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Hein Severloh (rechts) zum Buchautoren von Keusgen auf dem amerikanischen Omaha-Beach-Soldatenfriedhof:
 “Kannst Du ungefähr ahnen, wie einem zumute ist, wenn man weiß, daß ein Viertel dieser neuneinhalbtausend Kreuze aufs eigene Konto geht...?”

Warum

Hier die tragische Geschichte des Heinrich Severloh:

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Hein Severlohs Elternhaus in Metzingen 1936, in jenem Jahr, in dem er mit seinem kleinen Bruder als "Pimpf" der Hitlerjugend beitreten mußte: "Mein Vater war Ortsbauernführer, und deshalb gab es da kein Wenn und Aber, doch Lust dazu hatte ich keine..."

1923 in Metzingen im Landkreis Celle als Bauernsohn und in Folge als elfter Heinrich Severloh geboren, mußte er bereits im Alter von nur 19 Jahren dem Ruf seines Vaterlandes zu den Waffen folgen. Das Dritte Reich befand sich im dritten Jahr eines Krieges, der bereits die ganze Welt in einen Abgrund gerissen hat- te. Deutschlands militärisches, wirtschaftliches und soziales Gefüge war inzwischen schwer erschüttert und der Kampf an der Ostfront in eine Apokalypse geraten - und genau in diesen Moloch wurde der junge Severloh als Artillerist gestoßen...

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Hein Severloh 1942. Mit dem Militär hatte er nichts im Sinn: “Ich wollte nie Soldat werden; und als man erfuhr, was da in Rußland geschieht, wollte ich erst recht nicht!" Doch genau dort mußte er hin...

         Der russische Winter und die brutale Schikane eines skrupellosen Vorgesetzten wurden ihm dann zum Verhängnis - bis ans Ende seines Lebens...
         Severlohs Schicksal schien damals besiegelt, aber es hatte mit dem jungen Mann noch etwas ganz Besonderes vor. Er sollte in diesem schrecklichen Krieg noch eine Rolle spielen, von der man für alle Zeiten sprechen wird... In der Geschichte des Zweiten Weltkrieges wimmelt es von großen Namen berühmter und berüchtigter Feldherrn, aber dieser erst knapp 21- jährige “kleine Gefreite" sollte noch auf dramatische Weise in die Kampfhandlungen zur Befreiung Europas eingreifen...
         Severloh gehörte an der russischen Front zu den "Restbeständen" der 321. Infanteriedivision, die im Spätherbst 1943 zur Neuaufstellung der 352. Division in die Normandie verlegt wurden. Nach der Bildung der neuen Division war er nun Angehöriger der I. Abteilung des Artillerie-Regiments 352 und mit der 1. Bat- terie im küstennahen Hinterland eines Strandes stationiert, der schon bald auf den geheimen Generalstabsplänen der Westalliierten als US-Invasionslandeabschnitt Omaha Beach eingezeichnet werden sollte...

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Hein Severloh im Dezember 1943: Die Strapazen im russischem Winter an der Front und die Schikane seines Vorgesetzten, der ebenfalls mit in die Normandie versetzt wurde, hatten ihn gezeichnet. Aber nun gehörte Severloh einer anderen Batterie an und bekam somit einen neuen Chef: Oberleutnant Bernhard Frerking (links), dessen Chef der Kommandeur der I. Abteilung, Major Werner Pluskat war (Bildmitte) - anläßlich eines Jagdreitens auch noch begleitet von Oberleutnant Giesing, dem Chef der 2. Batterie (rechts) und Hauptmann Wilkening, dem Chef der 3. Batterie (2. von rechts).

         Im Morgengrauen des 6. Juni 1944 begann die Invasion der Alliierten in der Normandie. Hein Severloh, in der Nacht zuvor als "Bursche" seines Batteriechefs mit zur Feuerleitstelle auf dem Widerstandsnest 62 genommen, sollte dort als Maschinengewehrschütze agieren... (siehe Portrait Bernhard Frerking)

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         "Der Horizont war schwarz von Schiffen", sagte Hein Severloh, "es war unheimlich, grauenhaft... Ich kniete in meiner kleinen MG-Stellung nieder und betete. Dann setzte um kurz vor fünf Uhr das schreckliche Trommelfeuer der Schiffsartillerie ein - dreißig Minuten lang..."

         Unter der Feuerglocke der schweren Schiffsartillerie näherten sich 34.142 amerikanische Soldaten ihrem Landeabschnitt Omaha Beach, in dessen 16 Küstenverteidigungsanlagen am Morgen nur 308 deutsche Soldaten stationiert waren...
         Ab 6:30 Uhr begann die Anlandung der ersten Angriffswelle der Landungsboote am Strand unmittelbar vor dem WN 62. Severloh begann zu schießen...

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Mit seinem schnell schießenden Maschinengewehr des Typs MG 42 schoß Severloh immer in jenem Moment auf die GIs, wenn sie noch dicht gedrängt ihre Landungsboote verließen. Erst wenn sie auseinandergelaufen waren und Deckung hinter den Strandhindernissen suchten, nahm er seinen Karabiner zur Hand und schoß gezielt auf einzelne Soldaten... 

         Mit Karabiner und Maschinengewehr schoß der Gefreite Hein Severloh neun Stunden lang in die Massen der im US- Landeabschnitt Omaha (im Grenzbereich der Sektoren “Easy Red” und “Fox Green”) aus ihren hölzernen(!) Landungsbooten springenden Soldaten. Mit mehr als 12.400 Schuß, zum großen Teil Leuchtspur, belegte er den Strand vor dem Widerstandsnest 62 und brannte dabei  die Züge aus zwei MG-Läufen. Der junge Soldat tötete, um nicht selbst getötet zu werden:
         "Die Kameraden von der anderen Feldpostnummer kamen ja nicht über den großen Teich, um mit mir Schokolade zu essen..."
         Die Tragik der Situation bestand nun darin, daß sich im Verlauf des Vormittags und unter dem wieder neu einsetzenden schweren Beschuß seitens der Kriegsschiffe immer mehr Soldaten vom WN 62 zurückzogen, da sich die GIs langsam von den Flanken auf die Verteidigungsanlage zubewegten. Auch der Chef der 1. Batterie, Oberleutnant Frerking, der von einem kleinen Beobachtungsbunker aus den Artillerie-Sperrfeuer-Beschuß auf den Strand vor dem WN 62 leitete, bemerkte die zunehmende Gefahr. Als seiner Feuerstellung kurz nach Mittag langsam die Granaten ausgingen und er infolgedessen nur noch Einzelfeuer anordnen mußte, versuchte Frerking immer wieder, seinen Vorgesetzten, Major Pluskat, anzurufen, um die Erlaubnis zum Rückzug zu erbitten. Frerking war jedoch nicht darüber informiert, daß sich der Chef der I. Abteilung trotz der zu erwartenden Invasion nicht in seinem Gefechtsstand aufhielt - überhaupt nirgendwo auffindbar war. So verharrte Frerking mit seinen nur noch sechs Soldaten weiterhin im WN 62 - so auch Frerkings "Bursche", Hein Severloh, mit seinem Maschinengewehr...

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Außer Hein Severloh (roter Pfeil) feuerte auch noch der Gefreite Ludwig Kwiatkowski mit einem MG 42 vom WN 62 auf den Strand (blauer Pfeil), allerdings "nur" bis 12:15 Uhr. Die hellen Mündungsfeuer  der beiden Maschinengewehre waren bereits aus großer Entfernung sichtbar. So konnten ihre Positionen leicht erkannt werden. Der US-Zerstörer "Frankfort" beschoß Severloh, der ab 12:00 Uhr nur noch über Leuchtspurmunition verfügte, aus nur 1.500 Meter Entfernung dreimal mit 7,5-cm-Granaten, die unmittelbar vor seinem Graben einschlugen und jedes Mal sein MG über ihn fortschleuderten. Woraufhin Severloh die Waffe immer wieder aufstellte und das Feuer fortsetzte...

         Erst um 15:30 Uhr und als die ersten GIs aus einer Entfernung von nur noch 50 Meter auf die Artillerie- Beobachtungsstelle schossen, erteilte Oberleutnant Frerking nach neun Stunden endlich den Befehl zum Rückzug vom Stützpunkt WN 62. Zu dieser Zeit lagen auf rund 300 Meter Strandbreite mehr als 3.000 GIs in einem mehrere Meter breiten Saum aus knöcheltiefem, schlammigen Blut, den die ab 6:30 Uhr aufgelaufene Flut mit Massen von Leichen und Schwerverwundeten, die inzwischen einen kleinen Wall bildeten, angeschwemmt hatte... Adolf Schiller, Soldat vom benachbarten Widerstandsnest 60, berichtete diese Beobachtung später tief erschüttert und bewertete sie subjektiv:
         "Die Leichen lagen fast drei Meter hoch..."

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Luftaufnahme der US-Air Force aus 5.000 Meter Höhe am 6. Juni 1944,12:30 Uhr: Das Foto zeigt in der unteren Hälfte den schrägen, 50 Meter hohen Küstenhang, im Zentrum das Widerstandsnest 62 (grün umrandet). In der oberen Bildhälfte das Meer, das zu dieser Zeit den vorher 380 Meter breiten Strand überflutet und Massen toter GIs angeschwemmt hat. In der oberen linken Ecke des Fotos schlägt im Moment gerade eine der Sperrfeuer-Granaten der vier 10,5-cm-Haubitzen der 1. Batterie ein, die von Oberleutnant Frerking von der B-Stelle aus geleitet wurden (roter Kreis). Die in östliche Richtung aufsteigenden Rauchschwaden waren lediglich durch brennende Ginstersträucher entstanden. Bedingt durch diese, für die heranfahrenden Landungsboote widrige Strömung wurden sie vom ursprünglichen Kurs deutlich versetzt. Eine große Anzahl Landungsboote lief in unmittelbarer Nähe vor dem WN 62 auf den Strand auf (am linken Bildrand befinden sich im Moment nur noch zwei große LCTs, die kurz zuvor einige Panzer an Land gebracht hatten). Hein Severloh schoß mit seinem MG 42 den auf das WN 62 zu driftenden Landungsbooten entgegen (rot markierter Feuerbereich, in dem die am Strand liegende Masse amerikanischer Soldaten eine dunkle Linie bilden). Ludwig Kwiatkowski feuerte mit seinem MG 42 aus seiner nur 8 Meter hoch und dem Strand näher gelegenen Position ab 10:00 Uhr nur noch sporadisch und ausschließlich auf direkt frontal vor dem WN 62 landende GIs. Auch in seinem Feuerbereich zieht sich eine dunkle Linie den Strand entlang - allerdings direkt am Vorstrandwall, woraus zu schließen ist, daß es den Amerikanern in diesem Bereich gelungen war, Deckung hinter der flachen Böschung zu finden. Durch die großen Mengen ausgetretenen Blutes war das Meer stark verfärbt, und somit die Strömungsverhältnisse des Wassers gut erkennbar. Da die Flut zu diesem Zeitpunkt bereits wieder am Ablaufen war, die GIs in Severlohs Feuerbereich aber noch einige Meter von dem flachen Wall entfernt sind, hinter dem sie Deckung hätten finden können (wie es den GIs direkt vor dem Widerstandsnest gelang), kann es sich folglich nur um angeschwemmte tote oder schwerverwundete Soldaten handeln - wie es auch Adolf Schiller vom WN 61 und Bruno Plota, Hans Selbach und Peter Lützen vom WN 62 bestätigt haben. Doch sollte es noch weitere dreieinhalb Stunden dauern, bis Hein Severloh sein MG-Feuer endlich einstellte...

         Heinrich Severloh geriet noch in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni, zweifach leicht verwundet, in amerikanische Gefangenschaft. Zu seinem Glück einige hundert Meter hinter der Küste, und so erfuhren die Amerikaner niemals, wer er wirklich war, denn, so sagte Severloh:
         “Wenn sie gewußt hätten, daß ich es war, der unter ihren Truppen ein solches Massaker angerichtet hatte, hätten sie sicherlich sofort kurzen Prozeß mit mir gemacht...”

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Hein Severloh sagte über seine Zeit als Kriegsgefangener in den USA: "Ich war in mehreren verschiedenen Lagern; und die Arbeit, die wir verrichten mußten, war nicht immer eine leichte. Aber sonst ging es uns ganz gut."

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Am 22. Mai 1947 aus der Kriegsgefangenschaft wieder in die Heimat zurückgekehrt, war Hein Severloh nun Vize-Bauer des elterlichen Anwesens.

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Am 30. April 1949 heiratete Heinrich Severloh seine Jugendliebe, Elisabeth Schliephake aus Braunschweig, die seit ihrer ersten, nur kurzen Begegnung im Oktober 1943, fast vier Jahre lang auf ihn gewartet hatte.

         Nach dem Krieg führte Hein Severloh ein eher unauffälliges Leben auf dem vom Vater ererbten landwirtschaftlichen Anwesen - und schwieg beharrlich über die schrecklichen und traumatischen Geschehnisse jenes 6. Juni '44. Er sagte dazu:
         "Ich hatte die furchtbaren und belastenden Ereignisse am Omaha Beach immer noch nicht verarbeitet. Es waren nicht die vielen anonymen GIs da unten am Strand, die wie Ameisen vor den Landungsbooten herumwimmelten, die mich in meinen schlimmen Nächten bedrängten, sondern ein nur einziger, der immer wieder aus den grauen Fluten meiner Träume auftauchte und versuchte, hinter der Kieszertrümmerungsanlage vor dem WN 62 Deckung zu finden. Dann legte ich meinen Karabiner an, zielte auf ihn und schoß. Sein Helm flog durch die Luft und überschlug sich dabei wie in Zeitlupe, flog und flog, trudelte über den Sand des Strandes, wurde von den auslaufenden Wellen umspült. Der Soldat war abrupt stehen geblieben, sackte hart auf die Knie, sein Kinn fiel ihm auf die Brust, dann kippte er vornüber und schlug aufs Gesicht...
         Ich war mit meinen Horror-Träumen alleingelassen. Meine Eltern fragten niemals danach, wo ich war und was ich erlebt hatte. Lisa war die einzige Person, mit der ich manchmal darüber sprach..."      
         1960 las Hein Severloh in der Zeitschrift Kristall einen von Paul Carell verfaßten Artikel über den D- Day. Carell suchte Zeitzeugen als Informanten für sein geplantes Buch Sie kommen! Severloh, der inzwischen dem Bund der Deutschen Kriegsdienstverweigerer beigetreten war, besuchte den Schriftsteller und sprach mit ihm - doch das Massaker, das er einst unter den GIs am Omaha Beach angerichtet hatte, verschwieg er. Dennoch legte Severloh somit unbeabsichtigt den Grundstein zu einer fast weltweiten und außergewöhnlichen Publicity, doch sollte es noch 28 Jahre dauern, bis jemand kam und sein Geheimnis lüftete...
         Auf der Suche nach der Vergangenheit und dem Grab seines damaligen Vorgesetzten in der Normandie, Oberleutnant Bernhard Frerking aus Hannover, fuhr er im Herbst 1961 erstmals wieder, wie er sagte, "mit äußerst gemischten Gefühlen", an den Ort der schrecklichen Ereignisse zurück.

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Im September 1961 zum ersten Mal wieder in der Normandie, besuchte Hein Severloh mit seiner Frau Lisa sowie der Mutter und der Ehefrau des Oberleutnants Frerking das Ehepaar Legrand, in deren Anwesen Severloh und Frerking 1944 einquartiert waren (Frerking in der ersten Etage des Haupthauses, und Severloh in der Dachkammer).

         Da Severloh von nun an häufiger in die Normandie reiste, wurde er zunehmend zu einem wichtigen Informanten betreffs der “Omaha-Beach”-Landung der Amerikaner aus deutscher Sicht. In den USA, Frankreich, England, Belgien, Holland und Deutschland, sogar in Finnland, wurde über ihn berichtet - nur darüber, was er wirklich getan hatte, sprach er nie...

         Während der Recherchen zu seinem Buch D-Day 1944 hatte Helmut Konrad von Keusgen im Laufe von über 25 Jahren (bis 1999) eine Vielzahl ehemaliger Kriegsteilnehmer beider Invasionsfronten interviewt. Die Informationen dieser Veteranen waren von unterschiedlichem Gehalt und für den Autoren auch von ebenso unterschiedlichem Interesse. Wie so oft im Leben war es der letzte in der langen Reihe der Informanten, der von Keusgen aufhorchen ließ: Heinrich Severloh, ein ruhiger und bescheidener Senior von (1999) 76 Jahren, der unbefangen und sachlich über seine Erlebnisse in der Normandie am 6. Juni 1944 und auf dem WN 62 im amerikanischen Landeabschnitt Omaha Beach berichtete. Hellhörig wurde von Keusgen, als Severloh erzählte, er hätte um 15:30 Uhr aufgehört, mit seinem MG 42 auf die (bei inzwischen ablaufender Flut) noch bis zu 350 Meter entfernt am Strand landenden GIs zu feuern und sich dann auf Befehl seines Batteriechefs zurückgezogen.
         Von Keusgen, der sich seit 1973 für seine Recherchen insgesamt weit über zwei Jahre in der Normandie aufgehalten hatte, war bekannt, daß nach der zweiten Feuerwalze der Amerikaner ab 9:45 Uhr die 65 deutschen MG-Schützen am Omaha Beach ihre Stellungen aufgegeben und verlassen hatten, denn inzwischen feuerte auch die Schiffsartillerie der US- Zerstörer zielgenau auf die Mündungsfeuer der Maschinengewehre... Von Keusgen kam die Aussage eines ehemaligen GIs in Erinnerung (im April 1973 in Arromanches/ Normandie), der vor dem WN 62 gelandet war:
         “Ich verließ schwimmend unser sinkendes Landungsboot. Ich hatte mein Gewehr ins Meer geworfen, um nicht zu ertrinken. Alle deutschen MGs in der Bucht hatten längst aufgehört zu schießen; nur eines feuerte noch - ausgerechnet da, wo ich an Land gehen mußte... Als ich dann mit anderen GIs zwischen Massen von Toten und Sterbenden hinter einem flachen Kieswall am Strand Deckung suchte, sprachen sie von der verdammten Bestie (the damned beast) da oben, die nicht aufhören wollte zu schießen. Der Deutsche schoß mit Leuchtspur, und er schoß und schoß und schoß...”
         Der Amerikaner von der Big Red One wußte nicht, daß die "Bestie" da oben auf dem schrägen Küstenhang zwei Wochen später erst sein 21. Lebensjahr vollenden sollte...
         Von Keusgen war sofort klar, daß Severloh der Todesschütze vom Omaha Beach war, der Mann, der in der langen Geschichte der Kriege jener ist, der es nicht nur den Amerikanern so schwer gemacht hatte, im westlichen Bereich des WN 62 zu landen und folglich erheblicher Mitverursacher ihrer schrecklichen Katastrophe war, sondern der auch die meisten gegnerischen Soldaten kampfunfähig geschossen hat. So hatte von Keusgen Severlohs wohlgehütetes Geheimnis nach 55 Jahren endlich gelüftet, und das sagte er ihm auch. Hein Severloh gab nun gegenüber von Keusgen zu, was er damals angerichtet hatte und erzählte zum ersten Mal die, wie er selbst es nannte, "ganze verdammte Wahrheit..." Aber publiziert haben wollte er seine Geschichte "auf gar keinen Fall; ich will doch nicht als Massenmörder in die Weltgeschichte eingehen...!"
Aus der spontanen Sympathie zwischen Autor und Kriegsveteran wurde bald Freundschaft. Sie besuchten gemeinsam fünfmal die Stätte der furchtbaren Geschehnisse, und von Keusgen wurde Severlohs “Ghostwriter” für eine Story, wie sie spannender und dramatischer kaum sein kann.

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Hein Severloh und Helmut Konrad von Keusgen im Jahr 2000 am Strand vor dem ehemaligen WN 62. Erst als Severloh von Keusgens Anti-Kriegs-Einstellung erkannt hatte, konnte er sich ihm anvertrauen: "Nachdem wir gemeinsam meine Autobiographie geschrieben haben, tauchte ab 2001 der GI endlich nicht mehr in meinen Träumen auf..."

         Severlohs einstige Sorge, nach der Publikation seiner Geschichte vor der Welt als Unmensch dazustehen, erwies sich als völlig unbegründet. Mit seiner im Jahr 2000 erschienenen und höchst erfolgreichen Autobiographie WN 62 - Erinnerungen an Omaha Beach - Normandie, 6. Juni 1944 eroberte er die Herzen der Menschen - selbst die seiner ehemaligen Gegner... Außer der deutschen Ausgabe erschienen weltweit Buchpublikationen, unzählige Presseberichte und Rundfunksendungen. SPIEGEL-TV drehte mit ihm eine eigene Dokumentation. Die Resonanz auf seine “Beichte” war und ist überwältigend. Erstaunlich ist auch der international enorm positive Zuspruch der Leser, die sich schriftlich oder telefonisch bei seinem Verleger, dem H.E.K.Creativ Verlag, melden oder per Internet veröffentlichen. Nicht nur Menschen seiner Generation sondern auch jüngere Leute und (bemerkenswert!) Frauen reflektieren eine äußerst positive Haltung. Als Hein Severloh wurde er bereits zu Lebzeiten zu einem lebenden Mahnmal gegen die Unmenschlichkeit des Krieges und seiner traumatischen Schrecken.
         Der Mann mit dem traurigen Ruhm hat auf sein Autorenhonorar verzichtet. Diesbezüglich sagte er 2001 in einem Radio- Interview: “...Weil die Wahrheit und das Leid unbezahlbar sind. Bei jedem, den man tötet, tötet man ein Teil von sich selbst, und ich habe damals viel von mir getötet - viel zu viel...”

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2002 und 2003 mit SPIEGEL-TV zu Dreharbeiten für die Dokumentation "Die Todfeinde von Omaha Beach" am Strand und im ehemaligen Bereich seines MG-Feuers sagte Hein Severloh: "Heute würde ich in derselben Situation wie damals gar nicht erst mein Maschinengewehr anfassen, sondern mit einer Packung Zigaretten zum Strand hinuntergehen - aber heute bin ich auch ein alter Mann... Doch so einen Wahnsinn wie damals, würde ich nie wieder begehen..."

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Nach der Veröffentlichung seiner auf Anhieb mit 5 goldenen Sternen bewerteten Autobiographie, die bereits ab 2001 bei Éditions Heimdal auch in französischer Sprache erschien, hatte Hein Severloh sehr schnell eine enorme Bekanntheit erreicht. Wo immer das Team des H.E.K.Creativ Verlags mit ihm in der Normandie erschien, waren sofort Reporter von Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen zur Stelle...

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Am 1. Oktober 2001 signierte Hein Severloh genau an jener Stelle seine Autobiographie, an der einst sein Maschinengewehr gestanden hatte. Sein Buch widmete er Oberleutnant Bernhard Frerking, seinen gefallenen Kameraden und den vor dem WN 62 gefallenen Amerikanern - 35 ganz besondere Bücher mit Seltenheitswert...
Am 23. Juni 2003 feierte Hein Severloh in einem größeren Gratulantenkreis seinen 80. Geburtstag im Gemeindesaal seines Heimatortes Metzingen. Seine Begrüßungsrede war kurz. Nach einer allgemeinen, nur knappen Begrüßung und Danksagung zeigte er auf die neben ihm sitzende Karin Clarissa Röhrs (links), Helmut K. von Keusgen (rechts) und die Verlagsinhaberin, und sagte: "Wenn ich damals, als ich so krank war, diesen drei Menschen nicht begegnet wäre, würden wir hier heute nicht zusammenge- kommen sein - weil ich nämlich dann schon längst verstorben wäre..."

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Auf der steilen, nur maximal 1,50 Meter hohen Böschung, die das Vorstrandterrain vom Strand trennt, direkt unterhalb des WN 62, errichten alljährlich immer wieder Angehörige hier gefallener GIs kleine Privat-Gedenkstätten.
An jenem Platz, an dem sich drei französische Familien zu einem Picknick niedergelassen haben, stand einst Hein Severlohs Maschinengewehr. Er sagte dazu: "Sie wissen nichts davon. Und hier, wo ich gerade stehe, verabschiedenten Frerking und ich uns zum letzten Mal, denn er starb an dieser Stelle. Heute lachen Kinder an diesem Ort, an dem sich am 6. Juni 1944 eine grauenhafte Tragödie abgespielt hat. Das ist die Freiheit und die Zukunft, für die hier damals die vielen Soldaten starben."

         Sein ganzes Leben lang war Hein Severloh ein großer, aufrechter und starker Mann, doch Mitte seiner 70er Lebensjahre gab es einen gesundheitlichen Einbruch, von dem er sich jedoch in der Zeit der Zusammenarbeit und des freundschaftlichen Verhältnisses mit dem H.E.K.-Team wieder langsam erholte. Im Frühjahr 2004 verlor er deutlich an Kraft, und sein letztes Presse-Meeting mußte deshalb in einem Saal eines Nachbarortes von Metzingen stattfinden, da er keine weiten Wege mehr zurücklegen konnte. 

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Von Erschöpfung gezeichnet, gab Hein Severloh am 3. Mai 2004 zum letzten Mal vor mehreren Journalisten Statements für die Presse. Zu von Keusgen sagte er: "Ich glaube, ich mache nicht mehr lange... Ich habe im hohen Alter durch Euch noch etwas Großartiges in meinem Leben erfahren dürfen, und mir ist eine Ehre zuteil geworden, wie ich sie mir niemals hätte vorstellen können. Daß ich mit meinen schrecklichen Kriegserlebnissen den Menschen, die nach mir kommen, aber auch noch eine wichtige Botschaft hinterlassen kann, erfüllt mich sehr. Aber nun gibt es für mich nichts mehr zu tun. Laß' andere zu dem D- Day-Spektakel gehen, ich brauche es nicht mehr, denn ich habe alles erreicht..."

         Im Herbst 2004 warf ihn ein starker Schlaganfall zu Boden. Von einem schweren Sturz, bei dem er mit dem Kopf auf die Steinstufe vor seiner Haustür schlug, erholte er sich nur wenig. Hein Severloh verstarb am 14. Januar 2006 um 7:25 Uhr in einem Seniorenheim nahe Celle.  

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19. Januar 2006, Ortsfriedhof von Metzingen: Ein letztes Andenken an jenen Tag, der das ganze spätere Leben des Hein Severloh geprägt, und an dem ihm sein Batteriechef, Oberleutnant Bernhard Frerking, das Leben gerettet hat - und seines dafür verlor... Hein Severloh hat diesen Menschen dafür den Rest seines Lebens aufrichtig und tief geliebt.

Helmut Konrad von Keusgen sagt über Hein Severloh: "Ich bin nicht vielen so aufrechten, gradlinigen Menschen mit einem derart starken Charakter und solcher Sensibilität begegnet, wie Hein; und es war ein großartiges Erlebnis, mit diesem warmherzigen und ehrlichen Mann in der Normandie seine Wege von damals nachzugehen, seine Anekdoten zu hören und mit ihm zu lachen - und zu weinen... Wenn es nur irgendwie möglich war, haben wir einander besucht, denn weit voneinander entfernt haben wir nicht gewohnt, auch waren sich unsere Mentalitäten sehr ähnlich, so konnten wir einander sehr gut verstehen. Die vielen, vielen Stunden, Tage, Wochen, Monate und insgesamt sechs Jahre haben uns sehr mitein- ander verbunden. Hein war einer meiner ganz wenigen wirklich guten Freunde. Er hatte einen besonderen Charme und einen offenen Humor - aber ich glaube, ganz tief da unten d'rin, war er in Wahrheit sein Leben lang ein einsamer Mann, der auf seinem Gewissen eine unendlich schwere Last zu tragen hatte..."

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